Das Warten hat für den deutschen Fußball offiziell ein Ende. Bundestrainer Julian Nagelsmann hat seinen 26-Mann-Kader für die Weltmeisterschaft 2026 bekanntgegeben und damit eine anstrengende Woche voller Einzelgespräche abgeschlossen. Vor der mit Spannung erwarteten Bekanntgabe am Donnerstag verriet der Bundestrainer, dass er persönlich rund 62 Telefonate geführt hatte, um die Spieler über ihre Zukunft zu informieren – eine Aufgabe, die sowohl traumerfüllende Nachrichten als auch herzzerreißende Absagen beinhaltete.
Unter all diesen Gesprächen hatte der Austausch mit Hoffenheims Oliver Baumann sicherlich das größte Gewicht. Baumann hatte sich während der gesamten WM-Qualifikation als unangefochtener Stammtorhüter der deutschen Nationalmannschaft etabliert. Er stand in jeder einzelnen Minute auf dem Platz und sicherte der Abwehr mit vier Spielen ohne Gegentor in Folge den souveränen Gruppensieg.
Doch kurz vor der Bekanntgabe des Kaders änderte sich die Lage dramatisch. Nagelsmann bestätigte, dass Bayern Münchens Legende Manuel Neuer aus dem internationalen Ruhestand zurückkehrt und die Nummer 1 im Tor für das Turnier zurückerobern wird. Der 40-jährige Torhüter geht nach dem Gewinn der Bundesliga und dem Einzug ins Halbfinale der Champions League mit den Bayern im Rücken in den Wettbewerb. Neuer hatte sich ursprünglich vor zwei Jahren nach der EM 2024 aus der Nationalmannschaft zurückgezogen.
„Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht habe“, resümierte Neuer, als er seine Nationalmannschaftskarriere im eigenen Land beendete. „Ich fühle mich körperlich sehr gut, und natürlich hätte mich die Weltmeisterschaft 2026 auch gereizt. Dennoch bin ich zu dem Schluss gekommen, dass jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist, mein Kapitel in der Nationalmannschaft zu beenden.“
Offenbar war der Reiz eines globalen Schauspiels in Nordamerika für den erfahrenen Torhüter zu groß, um ihm zu widerstehen.
Offizieller Kader Deutschlands für die Weltmeisterschaft 2026
Torhüter
- Oliver Baumann (Hoffenheim)
- Manuel Neuer (Bayern München)
- Alexander Nübel (Stuttgart)
Verteidiger und Mittelfeldspieler
- Waldemar Anton (Borussia Dortmund)
- Nathaniel Brown (Eintracht Frankfurt)
- Pascal Groß (Brighton & Hove Albion)
- Joshua Kimmich (Bayern München)
- Felix Nmecha (Borussia Dortmund)
- Aleksandar Pavlović (Bayern München)
- David Raum (RB Leipzig)
- Antonio Rüdiger (Real Madrid)
- Nico Schlotterbeck (Borussia Dortmund)
- Angelo Stiller (Stuttgart)
- Jonathan Tah (Bayern München)
- Malick Thiaw (Newcastle United)
Angreifer
- Nadiem Amiri (Mainz)
- Maximilian Beier (Borussia Dortmund)
- Leon Goretzka (Bayern München)
- Kai Havertz (Arsenal)
- Lennart Karl (Bayern München)
- Jamie Leweling (Stuttgart)
- Jamal Musiala (Bayern München)
- Leroy Sané (Galatasaray)
- Deniz Undav (Stuttgart)
- Florian Wirtz (Liverpool)
- Nick Woltemade (Newcastle United)
Der taktische und mediale Sturm um Neuers Auswahl
Während der Kader eine aufregende Mischung aus Jugend und Erfahrung bietet und Liverpools Florian Wirtz als das Aushängeschild dieser Generation gilt, ist es das plötzliche Wiederauftauchen von Neuer, das im ganzen Land heftige Debatten ausgelöst hat.
Der Kern der Kontroverse liegt in Nagelsmanns Umgang mit der Situation. Der ehemalige Trainer von RB Leipzig und Bayern München steuerte die gesamte Qualifikation, ohne auch nur anzudeuten, dass er auf den erfahrenen Libero-Torwart zurückgreifen würde. Diese Entscheidung Baumann nur wenige Wochen vor der Weltmeisterschaft zu präsentieren, hat von Experten scharfe Kritik hervorgerufen.
„Seine Art zu kommunizieren ist einfach eine Katastrophe“, bemerkte der ehemalige deutsche Verteidiger und Europameister von 1996, Markus Babbel, in einem Interview mit ran. „Dieses Zögern von Anfang an treibt uns mit unserem Nationaltrainer in den Wahnsinn. Denn man wünscht sich klare Anweisungen, und jeder Spieler empfindet das genauso.“
Allerdings sehen nicht alle in der deutschen Fußballhierarchie den Führungsstil als Fehler an. Matthias Sammer, Babbels ehemaliger Nationalmannschaftskollege und ehemaliger Ballon d’Or-Gewinner, bot eine völlig andere Perspektive und stellte die Spitzenleistung über die Sentimentalität.
„Sind wir auf einem gemütlichen Ausflug oder im Hochleistungssport, wo selbst die Brutalität solcher Entscheidungen auf den ersten Blick absurd erscheinen mag?“, entgegnete Sammer in einem Interview mit Sky Germany. „Das Ziel muss sein, den aktuell besten Torwart zu haben. Manuel Neuer ist der beste deutsche Torwart, den wir haben.“
Babbel räumte später ein, dass Sammers‘ eigentliche Aussage berechtigt sei und man persönliche Gefühle während einer Weltmeisterschaft hintenanstellen müsse. „Aber niemand kann mir erzählen, dass Nagelsmann erst letzte Woche gemerkt hat: ‚Wow, Neuer ist ja wirklich in Topform‘“, fügte Babbel hinzu.
Die plötzliche Veränderung bringt Baumann in eine äußerst schwierige Lage. Noch wenige Tage vor der Kaderbekanntgabe zeigte sich der Hoffenheimer Kapitän zuversichtlich, seinen Platz zu behalten, und erklärte: „Das war und ist meine Position. Ich gehe mit großem Selbstvertrauen dorthin.“
Nagelsmann hat jedoch keinen Raum für Unklarheiten hinsichtlich der künftigen Hierarchie in seinem Lager gelassen.
„Wir planen mit ihm als unserer Nummer 1“, erklärte Nagelsmann nachdrücklich auf seiner Pressekonferenz. „Wir wissen, dass wir eine Weltklasse-Alternative haben. Die Entscheidung ist gefallen, und für mich ist sie richtig. Bei der Mannschaftsaufstellung versucht man, möglichst viele Topspieler zu nominieren. Bei Torhütern geht es vor allem darum, die drei Besten auszuwählen. Deshalb haben wir ihn gefragt, ob er noch einmal für die Nationalmannschaft spielen möchte.“